"Braucht der Markt einen Zweitwein aus Bordeaux?" - Teil-I

06.07.2012 - arthur.wirtzfeld

FRANKREICH (Bordeaux) - Ich als Kritiker der Weine aus Bordeaux gestehe hiermit freimütig, dass mich die so genannten „Zweitweine“ der Bordeaux Château nicht sonderlich interessieren. Viele dieser so deklarierten Weine scheitern im Laufe der Zeit. Sie sind oft zu inkonsistent, würdigen selten die Appellation aus der sie stammen, sind häufig trocken, was deren Anschaffung nicht unbedingt fördert. Und im Keller lagernd verderben sie schon mal den Trinkgenuss.

 

Die „Zweitweine“ werden auf dem Markt von den Verbrauchern wie eine Art „Tochtergesellschaft“ der Châteaux betrachtet. Die Konsumenten der „Zweitweine“ wissen meist wenig über Wein, aber durch deren Kauf assoziieren Sie ein bekanntes Label, was sie wiederum beruhigt. Händler und Erzeuger wissen sehr wohl um dieses Phänomen, tun aber zu ihrem eigenen Vorteil nichts, die Verbraucher aufzuklären.

Eine echte Quelle der Verwirrung ist dabei, dass die Labels der „Zweitweine“ oftmals auf den „Le Premier Vin“ hinweisen oder auf den „Erstwein“ schließen lassen. Mir selbst passierte einmal, dass ich bei einer Verkostung in Pessac-Léognan einen bestimmten Wein recht schwach fand. Ich schaute auf das Etikett - es war mit „Olivier“ markiert. Meine Enttäuschung war gegeben, als ich dann bemerkte, dass dies kein Wein von Château Olivier war, sondern einfach ein Name eines Zweitweins. Seitdem hat Château Olivier den Namen ihres Weines in "La Seigneurie d´Olivier du Château Olivier" geändert.

Und dennoch sind „Zweitweine“ notwendig, um Qualitätsweine zu erzeugen. Unter Qualität verstehe ich den Körper der Weine, ihre Komplexität und Charakter am Gaumen. Man muss wissen, dass in Bordeaux jedes Château das Recht hat, seine gesamte Produktion unter dem Namen der eigenen Domain zu vermarkten. Allerdings ist den Produzenten die qualitative Ungleichheit ihres Erntegutes vor der Assemplage bewusst. Einige können damit umgehen, anderer wiederum nicht. Doch das Mischen der weniger guten Trauben mit den Guten wird immer die Qualität der Weine mindern.

Im Bordeaux ist es Sitte in Abständen 2 bis 4 Prozent in den Weinbergen neu zu bepflanzen, um die Rebanlagen immer im besten Zustand zu halten. Dabei bietet die Ernte der jüngeren Reben nicht die Dichte und Konzentration, wie sie die Trauben bei den Ernten der älteren Reben vorweisen. Auch weniger gute Böden und klimatische Bedingungen wirken sich auf einzelne Sorten aus, die wiederum auch weniger gutes Erntematerial bringen.

Was ist also zu tun, fragen sich die Erzeuger. Sie erstellen ein zweites Label. In der Flasche ist dann kein Premier, sondern ein „Zweitwein“, der nicht den Namen des Château tragen darf. Dagegen hat ein Cru das Recht, den Namen des Château zu tragen. Also wissen wir nun, dass beim „Zweitwein“ immer der Name des Château fehlt. Als Beispiel: der "Clos du Marquis", „Zweitwein“ des Château Léoville Las Cases kann niemals als „Château Clos Du Marquis“ gekennzeichnet werden.

Die Notwendigkeit immer nur die besten Trauben für den Cru zu verwenden war schon immer ein Bestreben nach Qualität. Auf Château Margaux hat man seit dem 19. Jahrhundert einen „Zweitwein“ - den Pavillon Rouge, der 1908 erstmals in den Handel kam. In der Vergangenheit wurde auch hier weniger gutes Traubenmaterial verwendet. Man nahm die Ernte aus nicht identifizierbaren Quellen – auf dem Etikett stand nur die Appellation. Diese Weine ermöglichten es den Negociants ihren eigenen Assemblagen (Blends) zu machen, die sie dann unter eigenem Namen auf die Märkte brachten. Als Beispiel seien hier Weine mit der Etikettierung „Pauillac“ oder „Le Haut-Médoc de la Baronnie“ erwähnt.

Aber in den 1990er Jahren war es mit diesen Blends vorbei. Die Verbraucher wollten und suchten nach einer Referenz. Der Handel reagierte sofort und statt den „Vins de marque“ konzentrieren sich die Negociants auf den Verkauf von fruchtigen Weinen aus den bekannten Crus. Das passte auch den Produzenten, die bevorzugt ihre „Zeitweine“ wie bisher unter eigenem Namen aber anonym über die Negociants auf der Basis eines aktuellen Preises für die Tonneau (4 Fässer) aus jeder ihrer Appellationen auf den Markt bringen wollten. Für beide Parteien war dies viel rentabler.

 

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